1 Million Euro für Forschung über Demenz bei jüngeren Menschen. Prof. Dr. Patrik Verstreken erhält den Generet-Preis für seltene Krankheiten

„Durch unsere Arbeit könnte eine Form der Demenz bei jüngeren Menschen möglichst gezielt geheilt werden: Wir setzen direkt an der genetischen Ursache der Erkrankung an.“ Prof. Dr. Patrik Verstreken (VIB – KU Löwen) untersucht, wie eine bestimmte Form der Demenz bei jüngeren Menschen mit sogenannten ASOs (Antisense-Oligonukleotiden) behandelt werden kann. Dafür erhält er in diesem Jahr den Generet-Preis für seltene Krankheiten des Generet-Fonds, der von der König-Baudouin-Stiftung verwaltet wird. Der Preis ist mit einem Forschungsbudget von 1 Million Euro dotiert.
Schwierigkeiten bei der Informationsverarbeitung, Gedächtnisprobleme, Stimmungsschwankungen, Verhaltensänderungen ... diese Demenzsymptome sind vielen nur allzu vertraut. Manche sind schon sehr früh davon betroffen: Mehrere Hunderttausend Menschen weltweit tragen eine Genmutation in sich, die unweigerlich dazu führt, dass sie bereits ab 40 oder 50 an Demenz erkranken. In Belgien leiden 300 bis 400 Personen an dieser Krankheit, die relativ jung beginnt und schnell voranschreitet.
„Es handelt sich um familiäre Versionen von Alzheimer“, berichtet Preisträger Prof. Dr. Patrik Verstreken (VIB – KU Löwen). „Die Angehörigen dieser Familien haben eine Mutation im Präsenilin-Gen. Dies führt zu einer fehlerhaften Produktion des Proteins Präsenilin und damit zu Proteinablagerungen im Gehirn, genau wie bei anderen Formen von Alzheimer.“
Das Team von Prof. Verstreken forscht insbesondere an einer großen mexikanischen Familie mit der gleichen Mutation. Andere Familien haben eine andere Mutation, aber immer im Präsenilin-Gen und immer mit der Gewissheit, dass eine Demenz in jüngeren Jahren auftreten wird.
Behandlung durch ASOs
„Wir untersuchen, wie wir sie mit Antisense-Oligonukleotiden behandeln können. ASOs sind eine Art von Medikament und bewirken, dass bestimmte Teile der DNA anders umgesetzt werden – ‚anders‘ bedeutet in der Regel ‚weniger‘“, erklärt Prof. Verstreken.
Er verdeutlicht dies anhand von Rezeptbüchern: Unsere DNA ist quasi ein Dokument mit 25.000 Rezepten zur Herstellung von Proteinen (Eiweißen). Jede Zelle holt sich aus diesem Rezeptbuch eine Reihe von Anweisungen, um ihre Funktionen auszuführen. Wenn sich ein Fehler (Mutation) in das Rezept einschleicht, entsteht auch ein Fehler im Protein. Oft ohne größere Folgen, aber manchmal verhält sich das Protein dann falsch. „Jeder Mensch bekommt DNA von beiden Elternteilen. Vereinfacht ausgedrückt sagen ASOs den Gehirnzellen, dass sie nicht den Anweisungen des mutierten Gens (von einem Elternteil) folgen sollen, sondern den Anweisungen des Präsenilin-Gens des anderen Elternteils, das nicht fehlerhaft ist.“
Prof. Verstreken betont, dass die Arbeit seines 25-köpfigen, internationalen Teams auf der Grundlage und in enger Zusammenarbeit mit anderen Forscherinnen und Forschern erfolgt. „Prof. Bart De Strooper (KU Leuven) befasst sich schon seit etwa 30 Jahren mit dem Präsenilin-Gen. Außerdem werden ASOs auch bei anderen seltenen Formen neurodegenerativer Krankheiten eingesetzt, wie z. B. bei der Multiplen Systematrophie (MSA) oder der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Was machen wir dann noch? ASOs sind selbst Reihen oder Sequenzen von ‚Buchstaben‘, wie die DNA: Wir müssen sie so gestalten, dass sie genau den Fehler in der DNA erkennen und sich an diesen anhängen. In Zusammenarbeit mit der Genetikerin Kristel Sleegers (UAntwerpen) können wir mit dem genetischen Material von Patienten arbeiten und die Sequenz der Mutation analysieren, um das ASO entsprechend anzupassen. Wir hoffen, vier bis acht ASOs zu finden, mit denen wir 80 % der Menschen mit Mutationen im Präsenilin-Gen helfen könnten.“
„ASOs können die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden. Deshalb funktioniert eine Injektion über das Blut nicht, sondern sie müssen direkt unter das Gehirn injiziert werden. Zu diesem Zweck werden die ASOs an Nanokörper gekoppelt, die die Blut-Hirn-Schranke durchbrechen können. Das Verfahren ist nicht ungefährlich, aber spezialisierte Pflegekräfte haben Erfahrung auf diesem Gebiet. Ferner wurde die Methode bereits von den Arzneimittelbehörden EMA (Europa) und FDA (USA) zugelassen, was ein großer Vorteil ist. Die Patienten werden wahrscheinlich drei bis vier Injektionen pro Jahr benötigen.“
Weitere Forschung dank Generet-Preis
Auf die Frage, wann das Medikament den Patienten zur Verfügung stehen wird, antwortet Prof. Verstreken verständlicherweise zurückhaltend: „Ich hoffe jedoch, in absehbarer Zeit, was aus Forschungssicht etwa zehn Jahre bedeutet. Ein nächster Schritt besteht darin, Hautzellen von echten Patienten zu entnehmen und sie – über den Zwischenschritt von Stammzellen – in Gehirnzellen umzuwandeln, die dann weiter erforscht werden: Gelingt es, die Wirkung des mutierten Gens auszuschalten? Dank der Mittel des Generet-Fonds können wir mehr ASOs entwickeln, mehr präklinische Tests durchführen, mehr Familien einbeziehen, mehr Mutationen untersuchen ... Kurzum können wir weiter auf eine Lösung hinarbeiten.“
Über den Generet-Preis
Der von der König-Baudouin-Stiftung verwaltete Generet-Fonds verfolgt das Ziel, Belgien zu einem internationalen Zentrum für die Erforschung seltener Krankheiten zu machen. Seit 2018 vergibt der Fonds jährlich einen mit einer Million Euro dotierten Preis an eine(n) Spitzenforscher(in) einer belgischen Forschungseinrichtung, der/die Pionierarbeit im Bereich der seltenen Krankheiten leistet. Welche Krankheiten unter den Fonds fallen, ist nicht genau festgelegt: Alle seltenen Krankheiten sind förderfähig, ebenso wie Methoden, die dazu beitragen können, Fortschritte im Kampf gegen mehrere seltene Krankheiten zu erzielen. Der Generet-Preis wird von der FNRS verwaltet. .
Die Preisträger der Jahre 2018 bis jetzt:
• 2018: Prof. Mikka Vikkula (Institut de Duve – UCLouvain) für seine Forschung über die genetischen Ursachen von Gefäßanomalien
• 2019: Prof. Dr. Steven Laureys (Coma Science Group – Universität und Universitätskrankenhaus Lüttich) für seine Forschung über Formen veränderter Bewusstseinszustände infolge schwerer Hirnverletzungen
• 2020: Prof. Pierre Vanderhaegen (VIB-KU Löwen Zentrum für Gehirnforschung und ULB) für seine Forschung über die Entwicklung des Gehirns und möglicherweise dabei auftretende Störungen
• 2021: Prof. Dr. Rosa Rademakers (VIB-UAntwerpen Zentrum für molekulare Neurologie) für ihre Forschung über eine seltene Form der Demenz
• 2022: Prof. Dr. Ludo Van Den Bosch (VIB-KU Löwen Zentrum für Gehirnforschung) für seine Forschung über die einer seltenen neurodegenerativen Krankheit zugrunde liegenden Mechanismen
• 2023: Prof. Dr. Sabine Costagliola (IRIBHM-ULB) für ihre Forschung, bei der sie die Technologie menschlicher Organoide zur Modellierung von zwei seltenen Schilddrüsenerkrankungen einsetzt
• 2024: Prof. Dr. Patrik Verstreken (VIB – KU Löwen), Antisense-Oligonukleotide als Therapie für die autosomal dominante Alzheimer-Erkrankung (ASOADAD)
Weitere Informationen:
Sehen Sie sich das Video von Patrik Verstreken an, der mit dem Generet-Preis für seltene Krankheiten ausgezeichnet wurde