Bericht

Mut zum Anderssein - Abschiedsgedanken eines Geschäftfürhrers

2022

Während seiner 27-jährigen Tätigkeit als geschäftsführender Direktor, hat Luc Tayart de Borms die König-Baudouin-Stiftung mit umgestaltet. Vor seinem Ausscheiden am 1. Mai hat er uns in einem Interview seine Gedanken zu Veränderungen verraten, zu dem, was für eine Institution, die Risiken und Innovationen schätzt und die Dinge anders angeht, gleich bleibt ...

Covid-19, Überschwemmungen, jetzt Krieg... müssen philanthropische Stiftungen heutzutage Krisenmanager sein?

Unsere Agenda wird nicht von Zeitungen bestimmt! Unsere Aufgabe ist es, eine gewisse Distanz zu wahren und die Dinge eher strukturell zu betrachten. Ich habe schon viele Krisen erlebt - da spricht der alte Mann! - und egal, wie dramatisch die Dinge erscheinen, sie verschwinden irgendwann aus den Nachrichten. Doch das heißt nicht, dass sie nicht mehr von Bedeutung sind. Nehmen wir mal den Balkan als Beispiel. Die Menschen schenken dieser Region viel weniger Aufmerksamkeit als zu Beginn unserer Arbeit in den 1990er Jahren, und dennoch gibt es dort noch keine Lösung. Darum engagieren wir uns noch immer vor Ort.

Also haben langfristige Ansätze Priorität?

Stiftungen müssen keine Wahlen gewinnen. Wir sind nicht börsennotiert. Dadurch können wir die Dinge langfristig betrachten. Die Herausforderung besteht jedoch darin, sowohl kurzfristig als auch längerfristig etwas zu bewirken. So haben wir beispielsweise zehn Jahre lang an Demenz gearbeitet, aber wir können uns nicht einfach nur darauf konzentrieren und Covid ignorieren. Ich denke, es ist uns gelungen, ein Gleichgewicht zwischen langfristigen Programmen zu finden - zum Beispiel zur Demenz oder zur Armut in Belgien - und gleichzeitig unseren Beitrag zu leisten, wenn die Gesellschaft in eine Krise gerät. Wir sind keine humanitäre Organisation, aber wir können helfen, indem wir vor allem Philanthropen helfen, für diese Organisationen zu spenden.

Sie haben die Ausweitung der internationalen Zusammenarbeit zu einer Priorität gemacht. Warum?

Die Probleme in Belgien sind mit den Entwicklungen im Ausland verflochten. Das konnten wir in den letzten Jahren deutlich feststellen. Ich fand es lächerlich, dass europäische NRO, die sich mit europäischen Themen befassen, sechs oder sieben Stiftungen schreiben mussten, um Geld zu bekommen. Mit dem Netzwerk europäischer Stiftungen, Transnational Giving Europe und seit letztem Jahr auch weltweit mit Myriad haben wir diese Prozesse vereinfacht. Das war nicht immer einfach. Es waren auch nicht alle dafür. Aber da kam der Punkt, an dem ich auf Worte Taten folgen lassen musste! Und ich bin auf unsere Zusammenarbeit ziemlich stolz.

War es wichtig, das internationale Profil der KBS zu schärfen?

Wir haben mehr Schlagkraft als man vermutet. Wir waren - und sind immer noch - eine bescheidene, kleinere Stiftung. Das hat uns, wie ich glaube, kreativ und innovativ gemacht. Aber als ich anfing, mich für unsere internationalen Partner zu interessieren, habe ich mir diese angeschaut, nicht weil ich das Profil schärfen wollte, sondern weil ich ihre Ideen übernehmen wollte - ich glaube mehr an Nachahmung als an Innovation! Und das hat dazu geführt, dass die Stiftung auch in Europa und international bekannt wurde.

Auch das Vermögen der KBS ist immens gestiegen. Hat das die Institution verändert?

Wir haben uns von 77 Millionen Euro auf etwa anderthalb Milliarden Euro entwickelt. Wenn ich CEO wäre, hätte ich sicher ein paar nette Boni bekommen! Aber natürlich ist das dem Team zu verdanken. Wir haben es geschafft, indem wir anders waren. Viele Institutionen zielen auf sehr vermögende Privatpersonen ab, wir hingegen wenden uns an die Mittelschicht, an kleinere, aber zahlreichere Vermächtnisse. Dies hat zu unserer finanziellen Sicherheit und somit zu unserer Unabhängigkeit beigetragen. Früher kam etwa die Hälfte unserer Mittel von der Nationallotterie. Dies wird alle vier Jahre politisch überprüft. Jetzt liegt der Anteil bei 9%. Mein Ziel war es, die König-Baudouin-Stiftung vom belgischen Staat und der königlichen Familie abzugrenzen, damit die KBS eine eigene Marke wird - und unsere Meinungsumfragen zeigen, dass dies gelungen ist. Gleichzeitig ist die Lotterie nach wie vor sehr wichtig, weil sie als Startkapital dient und uns gegenüber der Öffentlichkeit rechenschaftspflichtig macht. Und das ist eine gute Sache.

Sie haben von der Rolle der Risikobereitschaft gesprochen. Liegt im Scheitern der Schlüssel zum Erfolg?

Wenn Philanthropie überhaupt eine Rolle spielen möchte, dann muss sie sich ein wenig von anderen Bereichen wie dem öffentlichen Sektor oder der Unternehmenswelt unterscheiden. Wenn wir in der Kommunikation, bei der Sorgfaltspflicht und bei der Einhaltung von Vorschriften einfach andere kopieren, dann geht das, was uns ausmacht, verloren. Immer die Dinge anders als die Anderen machen. Sonst macht man nur das, was die anderen tun, und das macht keinen Spaß! Ich habe auch keine Angst vorm Scheitern. Wir haben das große Glück, ausprobieren und scheitern zu dürfen. Das ist ein riesiger Mehrwert. Welche andere Organisation kann sich das heute leisten, ohne dabei ihre Existenz aufs Spiel zu setzen? Ich habe nie jemanden aus der Stiftung gedrängt, weil er einen Fehler gemacht hat. Tatsächlich verleihen wir alle drei Jahre einen Preis für den 'besten Misserfolg', aus dem wir lernen können.. Die erste Person, der ich erzählte, sie habe etwas falsch gemacht, war jemand, der dachte, dass er überhaupt nie scheitern würde. Ich habe ihm gesagt, sorry, aber Du hast Deine Arbeit nicht gut erledigt. Du hast keine Misserfolge zu verzeichnen, weil Du kein Risiko eingehst. Man lernt von Misserfolgen. Man lernt, dass wir nicht in der Welt von Newton leben, in der sich alles linear bewegt. Das Ganze läuft chaotischer ab. Wir sind in der Hand der Anderen. Man muss also bescheiden, gleichzeitig jedoch auch ehrgeizig sein.

Einen Ratschlag für Ihren Nachfolger, Brieuc Van Damme?

Die Herausforderung besteht darin, angesichts des Wachstums der Stiftung ihre DNA zu wahren. Je mehr man wächst, desto schwieriger wird es, alle dazu zu bringen, Risiken einzugehen. Aber ich vertraue meinem Nachfolger. Ich würde ihm mitgeben: Bleibe unabhängig, pluralistisch und unternehmerisch. Aber auch Dir selber treu. Er ist ein Mann des 21. Jahrhunderts, ich bin einer des letzten Jahrhunderts. Er muss dann auch in diesem Jahrhundert arbeiten. Er muss seinen Weg finden und seine eigenen Fehler machen. Man muss auch ein bisschen naiv sein, um diesen Job machen zu können. Das kann einem im Laufe der Jahre verloren gehen, bleibe also naiv, solange Du kannst!

Können Sie zusammenfassen, wie die KBS die Gesellschaft mit ihrer Arbeit verändern möchte?

"Wir haben mehr Schlagkraft als man vermutet. Eine kleinere Stiftung... kreativ und innovativ."
Luc Tayart de Borms
Geschäftsführer (01.01.1996 - 30.4.2022)

Wir sind klein, wir arbeiten in Nischenbereichen. Wir sind Akupunkteure und versuchen, einen Hebel für Veränderungen zu finden.

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